Befindlichkeiten

31
Okt
2009

Der Eisschrank

Ein kalter Schrank steht zwischen uns, gefüllt mit allerlei Leckereien. Wir rühren uns nicht. Uns raucht der Herbst, braunblättrig, bezuglos, ereignislos, zeitlos letztlich. Nach dem letzten Eisbeinritual sind wir nicht mehr aufgestanden. Die letzte Lammkeule, gespickt mit spitzen Knoblauchzehen hängt noch zwischen unseren Zähnen. Keine Berührung, keine Jugendliebe und auch keine warme Mahlzeit. Wir bräuchten Suppendienste, die uns hülfen.


31. Oktober 2009

25
Okt
2009

Bratkartoffeln und Grünkohl

Vater stand in Mutters Einkleidezimmer. Er sah in den Hinterhof, wo die großen Buchen standen und die kleinen Italiener Schutzgeldeintreibung spielten, bei Spaghetti und roter Brause. Rex Gildo sprang aus dem Radiobalkon. Die Küche roch immer gleich. Dunstnebel über der Abwaschschüssel ohne Abzughaube. In der Koch- und Waschwolke zerzausten Mutters Haare. Mein Vater zog mir mit der Handkante den dritten Tagesscheitel. Noch einen Schluck aus dem Messingflachmann, dann ging es auf den Wohnzimmerteppich zum Ringkampf. Das war traditionell gesehen ein guter Sport für einen Jungen meines Alters und in unserer Familie sowieso. Mein Großvater war Masurischer Jugendmeister im Gewichtheben. Sein Bruder jedoch nur eine fragwürdige Berühmtheit im Kölner Karneval, bekannt als „De doof Nuss!“ Unsere Familie hatte sich in ganz Europa breit gemacht.

...

6
Okt
2009

Wäre ich ein Mädchen

mvs maedchen

Als Mädchen wäre ich gut. Ich hätte rot geweinte Augen und blutige Füße und wäre auch ein Naturtalent beim Ruckidigu. Ich würde die Hüte meines Vaters tragen und den Stallburschen schöne Hühneraugen machen. Ich würde über Zäune klettern, mir die Hosen zerreißen und mit Asche an den Wangen durch Discos fegen. Und das wäre alles wunderschön. Ich wäre wunderschön. Bei Tageslicht würde meine Haut leuchten. Ich trüge die Tätowierungen meiner Brüder auf. Aber ich bin kein Mädchen.

Ich bin ein Pony.



6. Oktober 2009

4
Okt
2009

Niederkunft

Zwischen Begonien und Tulpen. Tiefes Tal. Kaffeesabber an den Lippen. Spazieren mit Spurenelementen in der Unterwäsche. In der Zeitung bunte Bilder in schwarzen Kanälen. Die Frauen freizeitlich und lebendig. Freizügig und laut. Die jungen Damen und auch die nicht mehr so ganz jungen. Selbst die Muttis. Das zu Sehen macht alt. Ich bin ein einfacher Mann. Glockenformen von Rockgebilden bis zum Boden betören mich. Aber keine schnatternden Kelchstimmen. Tätowierte Hautfetzen überfordern meine Augen. Regen in Bögen ist romantisch. Klitschnasse Kleider aber nicht mehr hauchzart.

Ich wünsche mir den Wandkalender zurück, der einst heimlich in meinem Jugendzimmer hing, hinter dem Schreibtisch, dort wo Mutter nicht nachsehen konnte. Damals habe ich von Bunsenbrennern geträumt, welche Nabelschnüre durchtrennen und Leben erwecken.

4. Oktober 2009

18
Sep
2009

Weltbild

Alles war so einfach. Ich hatte ein rotes Telefon. Du trugst rote Slips und gelbe Socken und hattest den imposantesten Po zwischen Alster und Pinnau. Und dies auch ohne Designerlaufschuhe. Mit meinem Palästinensertuch fing ich Mädchen ein, die nach Nizzasalat schmeckten. Sie kicherten, wenn ich sie im Treppenhaus fesselte. Ich spielte mit ihnen Räuberschach, oder „Reise nach Jerusalem!“ Auf den Straßen war alles gut einteilbar. Schlechte Autos, gute Fahrräder, alberne Mofas, liebe Omis, perverse Greise. Wir tranken Bowle mit viel Früchten und diskutierten die Nächte über mit Paul, Peter, Christian, Achim, Sadik und Jan. Kevins gab es damals noch nicht und die hätten wir gewiss nicht in unsere Runde gelassen. Wir hatten Sex, selten zu zweit, meistens nicht gut. Die Handwerker schauten dir nach, bis ich sie aus der Wohnung warf. Du schämtest dich, wenn ich dich vor den anderen, an einer bestimmten Stelle berührte. Ich tat es dann extra. Und wir hatten immer deswegen Krach. Wie schön.



18. September 2009

15
Sep
2009

Großartig - abgefahren

Ich bin keine Kunstfigur. Ich bin Kunst. Ich bin nicht alt. Hundert und ein paar mehr Jahre sind keine Zeit. Ich singe Lieder. Und ich lalle Leben. Ich bin MX. Ich liebe Wein ohne Abblendtaste. Ich bin offen für alle Lebensblenden. Ich bin großartig. Ich bin abgefahren. Ich bin LX. Dominostein meiner Phantasie. XXmehr Mensch bin ich. XX. O. Ich bin vier gewinnt. Immer auf der Mitmachstraße und immer zur Unterhaltung da und ich sitze im Rolls Royce im Kofferraum.



15. September 2009

8
Sep
2009

Wir auf der Suche nach uns

Im Dickicht bin ich mein Lebenstraum. Verschleiert und unsichtbar. Grün, grau, grätzig. Mit Haaren aus Schilf und Wachs, Schweiß und Heiß. Da bin ich ein handlungsfreier Unternehmer meines Lebens. Und dabei liege ich mir sonst wie Blei im Wege. Fett und ungestillt. Den wabernden Nichtwunsch anderer erfüllt.

Polizeiruf und der nach Ruhe und Schaumkissen. Der Ruf nach 17 Leben. Nach vielen Chancen und noch mehr Lebern. Ich bin im Tran. Ich weise meinem Wasser den Weg. Und ich versteck mich hinter Biotonnen.



8. September 2009

27
Aug
2009

Der Hund hat zwei Köpfe

Es regnet Katzenfelle in den Garten. Schimmelpilze wärmen unser Dach. Der Hund jault mich den ganzen Tag schon an. Er hat Durchfall und Migräne.

Sie heißt Herlinde Bommer. Ihre Haare sind orange gefärbt. Sie sitzt hier an der Supermarktkasse, mit blutroten Lippen und offenen Haaren. Ein Kaffee und einen Blick in ihre Seele, dies würde mir schon reichen. Du liegst den ganzen Tag im Bett und riechst nach Wein und Schweiß und menstruierst wie ein Tier.

...

23
Aug
2009

Auf Knien

Wenn ich meinen ersten Ekel abgelegt habe, dann kann ich auch mit Menschen reden, ihnen zuhören, ihre unappetitliche Haut berühren. Du bist für mich fast nichts anderes, als ein unbeweglicher Klumpen Fleisch, arglos, wenig verwundet und still an den richtigen Stellen. Das rührt mich fast. Deine Existenz, welche nach Berechtigung winselt, ist so schon beinahe begründet. Ich kann Frauen nur auf Knien ertragen, mit dem Gesicht zur Wand. Dann können wir reden. Bei Bier oder Tee gibt es vollendete Gespräche. Bruchstücke werden zu Floßleichen. Strandgut im Kopf. Strandgutsprache im Gesicht. Ich verkehre mit dir auch nur, wenn du wegschaust.

...

14
Aug
2009

23 Jahre

Rosen aus Tränenwasser auf der Brust. Verschlungene Pfade, welche die Darmwände hochklettern. Fühlbarer Dünensand von damals. Die Haut kribbelt noch. Sonst ist alles anders. Mehr als ein halbes Leben anders. Zwar keine Kinder zwischen den Füßen. Aber Geschwüre und viel Blut und tonnenweise Angst. Heute verstehe ich Angst besser. Sie ist nicht heilbar, aber entmystifiziert. Sie liegt wie eine Heidschnucke, ungebraten und ungeschoren auf dem Teller. Mit großen fragenden Augen. Wie Kinderaugen, die einen verschlingen, die einen fertig machen.

Du bist mein bestes Gewissen geblieben. Kantig, und dabei dauerhaft gut greifbar. Du bist das beste Argument gegen Damen mit Korkenziehern im Mutterschlund. Du weichst nicht aus. Man möchte alles verstehen, aber ein Zeitraum von 23 Jahren ist einfach nicht zu begreifen.

14. August 2009
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